Prof. Dr. med. habil. Robert Schönmayr
Neurochirurg, Klinikdirektor i.R.

Operative Behandlung an der Lendenwirbelsäule

Bei der mikrochirurgischen Bandscheibenoperation wird in Vollnarkose und Bauchlage des Patienten unter dem Röntgenbildschirm der geplante Zugangsweg markiert. Nach Hautdesinfektion und sterilem Abdecken erfolgt der ca. 3 cm lange Hautschnitt in Höhe der Markierung knapp neben der Mittellinie auf der Seite des Vorfalls. Nach Inzision des Unterhaut-Fettgewebes und der Muskelhaut wird die Rückenmuskulatur vorsichtig gespreizt, bis der Raum zwischen den Wirbelbögen erreicht wird. Dieser Zugang wird durch einen kleinen Spreizer oder Arbeitskanal offen gehalten (Bild 7). Jetzt wird das Operationsmikroskop über das Operationsfeld geschwenkt. Unter optimaler Beleuchtung und Vergrößerung fenstert oder entfernt der Operateur das elastische gelbe Band, das sich zwischen den Wirbelbögen erstreckt (Flavektomie Bild 8). Dadurch wird der Wirbelkanal eröffnet, in dem sich die Nerven und der Bandscheibenvorfall befinden. In Abhängigkeit von der Lage des Vorfalls muss unter Umständen noch etwas Knochen von den Wirbelbögen entfernt werden, um ausreichende Sicht und guten Zugang zum Bandscheibenvorfall zu erhalten (Bild 9).
Unter größter Vorsicht wird der vom Bandscheibenvorfall eingeklemmte und oft verlagerte Nerv mobilisiert und so weit zur Seite gehalten, dass das ausgetretene Bandscheibengewebe entfernt werden kann. Mit feinen Sonden wird überprüft, ob noch weitere Bandscheibenfragmente im Wirbelkanal liegen, damit man ggf. auch diese entfernen kann. Jetzt wird noch das Bandscheibenfach inspiziert, um den Riss im Bandscheibenring (Annulus) zu finden. Sollte er sehr groß sein, muss erwogen werden, ob er nicht besser zu verschließen ist, um den Austritt weiteren Bandscheibengewebes aus dem Zwischenwirbelraum zu verhindern. Man tastet auch den Zwischenwirbelraum aus, um zu prüfen, ob weiteres brüchiges Bandscheibenmaterial entfernt werden muss. Ist man sicher, dass keine losen Bandscheibenfragmente mehr im Wirbel- oder Nervenkanal und im Zwischenwirbelraum liegen, wird die Operation beendet. Unter sorgfältiger Blutstillung wird der Arbeitskanal entfernt, die Muskelhaut und das Unterhaut-Fettgewebe werden mit einigen Nähten geschlossen. Die Haut kann mit Gewebekleber oder durch eine kosmetisch günstige Intrakutannaht verschlossen werden.


                                Bild 8

Nach der Operation

Nach einem Aufenthalt im Aufwachraum geht es wieder auf die Station. Aufstehen kann und sollte man noch am gleichen Tag, natürlich mit Vorsicht, um nicht die – nicht ganz vermeidbaren – Wundschmerzen zu verstärken. Die Wundschmerzen müssen mit Schmerzmitteln bekämpft werden, lassen aber nach 2-3 Tagen spontan deutlich nach. Die Nervenschmerzen im Bein sind häufig sofort weg; Hat der Nerv aber längere Zeit durch den Druck gelitten, kann es auch deutlich länger dauern, bis die Beinschmerzen abklingen. Gelegentlich ist zu beobachten, dass nach anfänglicher Besserung die Nervenschmerzen am 2.-3. Tag nach der Operation wieder auftreten. Dies ist meist auf eine Schwellung des Nerven zurück zu führen, die in Zusammenhang mit den - unvermeidlichen - intraoperativen Manipulationen steht. Mit Verabreichung abschwellender Medikamente (Cortison, NSAR = Nicht-Steroidale Anti-Rheumatica) sind diese Schmerzen gut zu beeinflussen.

Nachbehandlung
Die postoperative Krankengymnastik beginnt am Tag nach der Operation. Es ist ganz wichtig, dass diese Nachbe-handlung auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus (meist 3-4 Tage nach der Operation) konsequent für 3-4 Wochen fortgesetzt wird. Eine ambulante Therapie reicht meist aus, in besonderen Fällen (schwerere neurologische Ausfälle, besondere berufliche Wirbelsäulenbelastung etc.) ist eine Anschlussheilbehandlung auch stationär notwendig.
Wichtig zu wissen ist, dass die Bandscheibenoperation den Schaden an der Bandscheibe nicht rückgängig macht! Im Gegenteil: wenn Teile des Nukleus entfernt werden müssen, verschlechtert sich eher der Zustand der Bandscheibe. Um künftigen Rückenbeschwerden entgegen zu wirken, ist regelmäßiges Training der Rückenmuskulatur erforderlich. Nur starke und geschmeidige Muskeln können die Wirbelsäule in ihrer tragenden Funktion unterstützen und damit die kranke Bandscheibe entlasten! Alle Betätigungen oder Sportarten, die diesem Ziel dienen sind erwünscht – je gezielter sie dem Aufbau der Rückenmuskeln dienen, desto besser und anhaltender ist auch der Effekt.
Andererseits sollten alle übermäßigen Belastungen der Wirbelsäule vermieden werden, insbesondere aus ungünstigen Haltungen heraus. Das Heben schwerer Gegenstände aus gebückter Haltung, vielleicht auch noch unter Drehbewegung, ist besonders ungünstig. In den meisten Fällen ist es an der Bandscheibe Operierten möglich, ihre gewohnte Tätigkeit wieder aufzunehmen. In einigen Fällen – z.B. bei besonders schwerer beruflicher Belastung der Wirbelsäule oder wiederholten Vorfällen - kann es aber auch unvermeidlich sein, sich beruflich neu zu orientieren und berufsfördernde Maßnahmen in Anspruch zu nehmen.