Prof. Dr. med. habil. Robert Schönmayr
Neurochirurg, Klinikdirektor i.R.

Bandscheibenprothese der Halswirbelsäule

Erfahrungen
Prothesen der Halswirbelsäule gibt es jetzt seit über 25 Jahren. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Ergebnisse der Operation hinsichtlich Beseitigung neurologischer Ausfälle und Schmerzen ebenso gut und besser sind als bei der seit über 50 Jahren bekannten und bis heute gebräuchlichen Versteifungsoperation (Spondylodese), dass aber die Wiederherstellung der Beweglichkeit eine unnatürliche Mehrbelastung der Nachbarbandscheiben und damit deren vorzeitigen Verschleiß vermeidet. 

Seit 2002 habe ich Erfahrungen mit unterschiedlichen Bandscheibenprothesen gesammelt. Schon die Prothesenmodelle der ersten und zweiten Generation haben gute und sehr gute Ergebnisse hervorgebracht; In einigen Fällen hat aber die Beweglichkeit des Bandscheibensegments über die Jahre hinweg wieder abgenommen oder ist ganz verloren gegangen. Inzwischen ist die Entwicklung vorangeschritten, und die neuesten Modelle imitieren sämtliche Bewegungsabläufe einer gesunden Bandscheibe so genau, dass wir von weitgehend natürlichen Bewegungsverhältnissen ausgehen können (Bild 1, für das Video anklicken).
Das von mir bevorzugte Implantat MOVE-C besteht aus einem elastischen Kern aus Kunststoff (PCU), der sich seit langem in der Implantatchirurgie bewährt hat. Dieser Teil, der die Funktion der Prothese ermöglicht, liegt zwischen zwei Endplatten aus Titan, die im angrenzenden Knochen mit Titanspitzen verankert sind. Ihre Oberfläche besitzt Poren, in die schon nach kurzer Zeit Knochen von den Wirbelkörperendplatten her anwächst und eine dauerhafte feste Verbindung herstellt.

Operative Technik
In Vollnarkose und Rückenlage der Patienten wird mit dem Röntgenbildver-stärker der Zugangsweg markiert. Nach Desinfizieren und sterilem Abdecken erfolgt ein horizontal verlaufender Hautschnitt von etwa 6cm Länge, der in eine Hautfalte platziert wird, wodurch er später kaum noch sichtbar ist.
Der flache Hautmuskel (Platysma), der vom Kinn und Unterkiefer ausgehend die Halsvorderseite bedeckt, wird stumpf gespreizt. Zwischen dem Musculus sternocleidomastoideus (Kopfnicker oder Kopfwender) und der Schilddrüse gelangt man durch stumpfe Präparation auf die Vorderfläche der Halswirbelsäule. Dabei wird die Gefäß-Nervenloge der Halsschlagader leicht zur Seite und die Halsweichteile der Speise- und Luftröhre zur Mitte hin abgedrängt. Ein röntgendurchlässiger Sperrer hält den Zugangsweg offen. Einschwenken des Mikroskops, die weitere Operation geschieht unter optimaler Beleuchtung und Vergrößerung.
Die vor der Halswirbelsäule verlaufende Muskulatur wird etwas zur Seite abpäpariert, um die gesamte Vorderfläche der Bandscheibe darzustellen. Nach Inzision des vorderen Längsbandes wird die geschädigte Bandscheibe entfernt. Um den Bandscheibenvorfall erreichen und entfernen zu können, wird auch das hintere Längsband abgetragen. Sollten sich auch knöcherne Randsporne gebildet haben, die in den Wirbelkanal vorspringen, werden auch diese mit Mikroinstrumenten beseitigt oder einer Miniaturfräse abgeschliffen. Das gilt insbesondere auch für den Nervenkanal (Neuroforamen) auf beiden Seiten, damit die austretenden Nerven sicher entlastet sind. Während bei der versteifenden Operation jetzt ein Platzhalter (Cage) aus Titan oder Kunststoff (PEEK) eingesetzt wird, erfolgt bei der bewegungserhaltenden Operation die Implantation der Prothese. Dies geschieht erneut unter Kontrolle mit dem Röntgenbildwandler, um eine optimale und präzise Platzierung zu erreichen (Bild 2). Sitzt die Prothese fest, wird unter dem Röntgenbild eine kurze Bewegungsprobe gemacht, um sicherzustellen, dass sie auch korrekt funktioniert (Bilder 3 und 4). Ist dies der Fall, wird die Wunde verschlossen, zuletzt die Haut mit Gewebekleber oder Intrakutannaht.


Biomechanics of Cervical Disc Arthroplasty Devices
Avinash G Patwardhan 1, Robert M Havey 2
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34538475/

Viscoelastic cervical total disc replacement devices: Design concepts
Celien A M Jacobs 1, Christoph J Siepe 2, Keita Ito 3
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32810609/

The move-C cervical artificial disc can restore intact range of motion and 3-D kinematics
Morten Vogt 1, Laura Zengerle 1, René Jonas 1, Hans-Joachim Wilke 2
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37660895/

The MOVE-C Cervical Artificial Disc - Design, Materials, Mechanical Safety
Annette Kienle 1, Nicolas Graf 1, Carina Krais 1, Hans-Joachim Wilke 2
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33061680/


Bild 1: MOVE-C Prothese

Bild 2: Implantierte Prothese

Bild 3: postoperative Kontrolle mit Vorneigen der Halswirbelsäule

 Bild 4: postoperative Kontrolle mit Rückneigen der Halswirbelsäule