Prof. Dr. med. habil. Robert Schönmayr
Neurochirurg, Klinikdirektor i.R.

Die Bandscheibe 


 

Aufbau und Funktion der Bandscheibe
Eine gesunde Bandscheibe besteht aus einem derben, festen Ring aus Bindegewebsfasern (Kollagen), dem „Annulus“, der den Bandscheibenkern (Nukleus) umschließt (Bild 1). Der Nukleus hat hohe physikalische Wasserbindungsfähigkeit und besteht daher zu 80 Prozent aus Wasser. Da man Wasser nicht zusammendrücken (komprimieren) kann, ist der Kern nicht weich, er ist aber dadurch verformbar, dass er sich innerhalb des Faserringes verschieben und den Faserring dehnen kann (Bild 2 a und b.: Verschiebung des Bandscheibenkerns beim Vorbeugen).

Es herrscht hoher Druck im Inneren der Bandscheibe, daher besitzt sie dort keine Blutgefäße und keine Nerven. Dennoch findet in ihr Stoffwechsel statt mit Nährstoffzufuhr zu den Knorpelzellen und Abtransport von Stoffwechselprodukten. Dies geschieht mit dem Gewebswasser, das bei Belastung der Bandscheibe über kleine siebartige Öffnungen in den Knochen der Wirbelkörper gepresst wird (Bild 3). Bei Entlastung – vor allem nachts im Liegen – wird dann wieder Gewebsflüssigkeit aus den Wirbelkörpern angesaugt. Je häufiger der Wechsel zwischen Be- und Entlastung erfolgt, desto besser der Stoffwechsel der Bandscheiben. Oder andersherum: je weniger die Bandscheiben be- und entlastet werden, desto schlechter der Stoffaustausch, und desto schneller schreiten Alterung und Verschleiß der Bandscheiben voran.

Entstehung eines Bandscheibenvorfalls
Ähnlich wie ein Autoreifen, der Luft verliert, verliert die Bandscheibe dabei ihre Wasserbindugsfähigkeit und damit ihren Wassergehalt. Sie sinkt zusammen, wird dabei spröde und rissig. Weil die Bandscheiben nicht mehr prall gefüllt sind, können die Wirbel nun kleine Rutschbewegungen vollführen, die auch den Faserring in unnatürlicher Weise belasten und schließlich schädigen. Risse im Fasering können auftreten, durch die sich Teile des Bandscheibenkerns (Nukleus) herausdrücken können – es kommt zum Bandscheibenvorfall.

Folgen und Symptome eines Bandscheibenvorfalls
Da der Faserring vorne und seitlich Nerv ist als hinten, treten Bandscheibenvorfälle gehäuft an der Rückseite der Wirbelkörper auf, dort wo der Wirbelkanal und die Nervenkanäle sind. (Bild 4) Das bedeutet, dass neben den Rücken- oder Nackenschmerzen, die ein Bandscheibenvorfall auslöst, auch Nervenschmerzen auftreten können. Was es bedeutet, wenn ein Nerv direkt mechanisch gereizt wird, wissen wir alle vom Zahnarzt: heftige, zum Teil wie elektrisierende Schmerzen (Bild5). Die Schmerzen werden in dem Gebiet wahrgenommen, in das der Nerv verläuft, seinem „Versorgungsgebiet“. Daher kommt es bei Bandscheibenvorfällen der Lendenwirbelsäule zu Beinschmerzen, bei Vorfällen der Halswirbelsäule zu Armschmerzen. Diese Schmerzen sind sehr heftig und meist auch abhängig von Stellung und Bewegung der Wirbelsäule, daher nehmen die schmerzgeplagten Menschen eine vorsichtige Entlastungshaltung ein und vermeiden Bewegungen und Belastungen der Wirbelsäule. Dabei spannen sich die Rückenmuskeln reflexartig stark an, um Bewegungen des betroffenen Wirbelsäulenab-schnitts zu verhindern.
Drückt der Vorfall sehr stark oder längere Zeit auf einen Nerven (Bild 6), kann dessen Funktion gestört werden. Das kann sich in kribbelnden Missempfindungen (Ameisenlaufen), Taubheitsgefühl bis hin zur Gefühllosigkeit äußern, es können aber auch Lähmungen in den von diesem Nerven versorgten Muskeln auftreten. Bei sehr großen Vorfällen an der Lendenwirbelsäule können auch die Nerven geschädigt werden, die die Blasenentleerung und den Schließmuskel am Enddarm kontrollieren. Die Folge sind dann die Unfähigkeit, die gefüllte Blase zu entleeren und den Stuhlgang zu kontrollieren.

 

Bild 1

 

Behandlung des Bandscheibenvorfalls

Solange es nicht zur derartigen neurologischen Störungen kommt, ist eine operative Behandlung noch nicht erforderlich. Für die soge-nannte konservative Therapie steht ein breites Spektrum an Be-handlungsformen zur Verfügung. Neben der medikamentösen Therapie, die auf Schmerzlinderung, auf Entzündungshemmung und Muskelentspannung abzielt, ist vor allem die krankengymnastische Behandlung (Physiotherapie) besonders wichtig und erfolgreich. Die operative Behandlung wird immer dann erforderlich, wenn neurolo-gische Ausfälle auftreten oder die konservative Behandlung erfolg-los bleibt.
Eine Operation zielt in erster Linie darauf ab, den geschädigten Nerven zu entlasten. Während man früher versucht hat, möglichst viel von dem Bandscheibenkern zu entfernen, ist man heute dazu übergegangen, möglichst nur das Bandscheibenfragment zu entfernen, dass auf den Nerven drückt. Man möchte dadurch nachteilige Folgen für das erkrankte Bewegungssegment vermeiden.

Konservative Therapie

Vor jeder Operation muss geprüft werden, ob nicht eine nicht-operative (=konservative) Behandlung erfolgversprechend ist, denn in der Mehrzahl der Fälle ist sie das auch! Zwingend (absolute Indikation) ist eine Operation immer nur dann, wenn durch den Druck auf Nerven oder das Rückenmark neurologische Ausfälle (Lähmungen, Gefühlsstörungen, Gangstörungen) eingetreten sind. Eine Operation kann man in Erwägung ziehen, wenn alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind und dennoch das Beschwerdebild nicht gebessert wurde (relative Indikation).
Eine konservative Therapie besteht in erster Linie in aktiver Kranken-gymnastik, wobei besonders sog. neurophysiologische Methoden (z. B. PNF, nach Volta oder Brunkow) geeignet sind. Unterstützend kann man in der akuten Schmerzphase Schmerzmedikamente (Analgetika) verabreichen, die aber regelmäßig, konsequent und in ausreichend hoher Dosis genommen werden müssen. Unterstützend können schmerzhafte Muskelverspannungen durch Wärmeanwendungen und muskelentspannende Medikamente gelöst werden. Wichtig ist, dass alle Medikamente durch ärztliches Personal verordnet werden, damit individuelle Besonderheiten (Allergien, Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten) berücksichtigt werden können. Es hat sich gezeigt, dass die intravenöse oder intramuskuläre Gabe von Medikamenten gegenüber der oralen Einnahme keine Vorteile bietet; Auch die Wirksamkeit einer früher häufig eingesetzten oralen Gabe von Cortisonpräparaten ist nicht belegt. Akupunktur, die bei chronischen Rückenschmerzen hilfreich sein kann, wird in der wissenschaftlichen Leitlinie zur konservativen Behandlung bei den akuten ausstrahlenden (radikulären) Schmerz-zuständen nicht empfohlen.


Bewegungstherapie
Bewegung ist ein wesentlicher und zentraler therapeutischer Faktor in der Behandlung bandscheibenbedingter Beschwerden. Bewegungstherapie wird in der Sporttherapie, Krankengymnastik und einzelnen Elementen auch in der Ergotherapie angewandt. Sie ist definiert als "ärztlich indizierte und verordnete Bewegung, die vom Fachtherapeuten bzw. der Fachtherapeutin geplant, dosiert, gemeinsam mit dem Arzt/der Ärztin kontrolliert und mit dem Patienten/der Patientin alleine oder in der Gruppe durchgeführt wird" (Ausschnitt aus der Leitlinie zur Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik).
Die Therapie richtet sich vor allem auf das Ziel, dauerhaft eine leistungsfähige und gut durchblutete Muskulatur der Nacken- und Schulterregion aufzubauen, um die durch Bandscheiben- und Knochenverschleiß beeinträchtige Wirbelsäule zu entlasten und beweglich zu halten.
Immobilisierung, etwa Ruhigstellung durch Liegen oder Korsett (Rumpforthesen) ist kontraproduktiv - auch wenn sie kurzfristig Erleichterung bringen können. Die muskuläre Situation wird dadurch nicht verbessert, sondern auf Dauer durch den durch Ruhigstellung verursachten Muskelschwund verschlechtert.


PNF - Therapie in der Praxis für Physiotherapie Margarete Guggenberger Markt Schwaben



     PNF – Therapie am Rotkreuzplatz München